Gespräche mit Peter Dipoli – Bitte, versucht zu verstehen!

Aus einer Recherche zum Thema Pinot Noir in Italien entstehen zwei lange Konversationen mit einem Kenner der Weinregion Südtirol, das ungewohnte Einblicke gibt, viele Fragen beantwortet und neue aufwirft.

 

Ein Wort der Warnung

Im Vorlauf der 23. Ausgabe der Blauburgundertage, der Weinveranstaltung, die den besten italienischen Pinot Noir eine Bühne bieten will, kontaktierte ich Peter Dipoli, während ich mich intensiv mit dieser häufig als edelster aller roten Rebsorten auseinandersetzen wollte. Ich wollte mehr über die Weine wissen, sowohl in allgemeiner Hinsicht als auch in Bezug auf die italienischen Vertreter. Also erschien es mir folgerichtig, mich mit einem der Mitbegründer der Veranstaltung zu unterhalten, der auch gleichzeitig einer der Weinpioniere Südtirols ist. Er würde mir sicher einiges erzählen und vor allem erklären können, was für mich zu diesem Zeitpunkt noch unverständlich war. So gingen meine Überlegungen und ohne zu viel vorwegzunehmen, kann ich bereits verraten, dass meine Erwartungen nicht enttäuscht wurden, wenn auch anders als zunächst geplant.

Bevor ich dazu komme, muss ich vorab bestimmte Bedenken erläutern, dass die zentrale Person dieses Artikels möglicherweise nicht vollumfänglich angetan sein wird von dem, was (und wie) ich es schreibe. Nicht weil ich beabsichtige, schlecht von ihm zu sprechen – das ist zumindest nicht meine Absicht, auch wenn ich eine originalgetreue und wahrheitsgemäße Darstellung dessen anstrebe, was er mir berichtete. Nein, es geht mehr um die Warnung, die er selbst ausgesprochen hat in Bezug auf Weinjournalisten im Allgemeinen und einer Überlegung, die ihm in letzter Zeit häufiger durch den Kopf ging: sind wir hier, um den Wein zu zelebrieren, oder zelebrieren wir uns über den Wein? Viel zu oft sei es eher das Letztere. Und dieser Personenkult schmeckt im gar nicht.

Anstatt also über seine Weine zu schreiben, schreibe ich – in gewisser Weise zumindest – über ihn. Oder um genauer zu sein, gebe ich wieder was er mir erzählte und die verschiedenen Dinge, die während der zahlreichen Stunden unserer Unterhaltung gelernt habe. Meine Hoffnung ist, dass dies zu einer gewissen Nachsicht führt. Schließlich habe ich von Beginn an klargemacht, dass es mein Ziel war, noch mehr über Wein zu lernen (was mir, denke ich, auch gelungen ist), und meine ehrliche Wissbegierde schien auch auf seine Zustimmung zu stoßen.

Der Pinot Noir in Südtirol

Pinot Noir, wie er in den meisten Ländern der Welt genannt wird, hört in der italienischen Provinz Südtirol auf den schönen Namen Blauburgunder (auf deutsch) bzw. Pinot Nero (auf italienisch). Angrenzend an Österreich und die Schweiz befindet es sich im Nordosten Italiens und ist einer der beiden Teile der Region Trentino-Südtirol. Was den Wein betrifft, haben die beiden Provinzen allerdings wenig gemeinsam. Aufgrund der Zweisprachigkeit haben fast alle Orte sowohl einen italienischen als auch deutschen Namen wie die Provinz selbst: Südtirol und Alto Adige. Dasselbe gilt auch für die Orte, wo der Pinot Noir tradionell angebaut wird und die in diesem Artikel genannt sind wie z.B. Egna/Neumarkt oder Eppan/Appiano und die Liste ließe sich beliebig fortsetzen (Der Vollständigkeit halber muss noch erwähnt werden, dass Südtirol eigentlich dreisprachig ist, das schöne Ladinisch allerdings nur von 30.000 vornehmlich in Gröden und im Gardertal ansässigen Menschen gesprochen wird). Deutlich südlicher gelegen als die Heimat des Pinot Noir, das Burgund, könnte man annehmen, dass es dieser anspruchsvollen und kapriziösen Rebsorte zu warm sein könnte. Da Südtirol aber an der Südseite der Alpen liegt und u.a. für seine weltberühmten Gipfel und Bergketten (Stichwort: Dolomiten) bekannt ist, wird es dennoch als cool climate Zone eingestuft: zahlreiche unterschiedlich mikro-klimatische Zonen und Weinberge, die von 200 bis zu 1.200 Metern reichen, wobei natürlich nicht alle Bereiche und (Höhen-)Lagen für den Blauburgunder geeignet sind. Nichtsdestotrotz zeigt auch hier der Klimawandel seine Zähne, was sich auch in höheren Alkoholgehalten im Wein ausdrückt.

Nach diesem kurzen Vorwort können wir uns nun den verschiedenen Themen widmen, die in unseren Gesprächen behandelt wurden. Und da wir sein gespaltenes Verhältnis zu Journalisten bereits angesprochen, beginnen wir am besten gleich dort, zumal es eine zentrale Überzeugung Peter Dipolis betrifft: die zwingende Notwendigkeit, den Wein – also die Rebsorte und die Lage, auf der er wächst – zu verstehen. Genau darin stimmen wir miteinander ein, aber was hat dies nun mit Weinjournalismus zu tun? Nun, zu Beginn unserer ersten Unterhaltung drückte er sein Bedauern aus, dass es den traditionellen englischen Journalismus nicht mehr gebe. Dort seien die Wein beschrieben worden wie auch die Lagen der Weine und warum die Lagen so sind, die Ethik eines Betriebes, aber es wurden nicht wie heute Punkte vergeben. Wenn man jetzt keine Rangordnung mehr mache, so, sagt er, sei es nicht mehr interessant. Das Problem des Journalismus aber sei die Emotion. Jeder verkaufe Emotionen und jeder Wein brauche eine Geschichte, aber es sei nicht seine Aufgabe als Winzer Geschichten zu machen. Er versuche einen Wein zu machen, der korrekt ist. Er könne auch erklären, warum der Wein ist wie er ist, aber das müsse dann auch bitte schön genügen.

Viele Journalisten, abgesehen von wenigen Ausnahmen, sind seiner Meinung nur daran interessiert, einen Artikel zu schreiben, ohne aber wirklich die Hintergründe verstehen zu wollen. Besonders problematisch sei aber, dass diese Journalisten und ihre Bewertungen Macht ausüben auf die Winzer, da die Konsumenten sich von diesen leiten lassen. So beeinflussen Aussagen über einen bestimmten Wein nicht direkt nur den kommerziellen Erfolg eines Weines, sondern bestimmten mitunter auch die Machart eines Weines. Auch wenn der Einfluss der traditionellen Weinkritiker womöglich rückläufig sein mag, ist der Effekt der durch die Parkerisierung der 90er Jahre angestoßen wurde, immer noch sichtbar. Um einen Wein akkurat beschreiben zu können, ist das Verständnis der spezifischen Lage, der Produzentenphilosophie und das Zusammenspiel dieser mit der jeweiligen Rebsorte unumgänglich.

Ein Südtiroler Weinpionier

Peter Dipoli wurde 1954 in Leifers/Südtirol geboren. Seine Eltern waren Obstbauern und nach dem Besuch der Landwirtschaftlichen Oberschule in San Michele folgte er in ihre Fußstapfen, bevor er als Versuchstechniker an der Landesveruchsanstalt Laimburg von 1978 bis 1983 tätig war. Als seine Familie das Weingut Voglar von einem Cousin des Vaters kaufte, begann seine Karriere als Winzer, zunächst mit Sauvignon Blanc, später dann auch mit den typischen roten Bordeaux-Sorten Merlot, Cabernet Sauvignon und Cabernet Franc. 1989 begann er die Zusammenarbeit mit dem Weinhändler Pevarello aus Padua als sein Vertreter für Trentino-Südtirol und belieferte zahlreiche Vertreter der Südtiroler Spitzengastronomie, deren Weinkarte er maßgeblich mitgestaltete. Als aber Pevarello das Geld knapp wurde, entschied er sich 1994, seine eigene Firma Fine Wine zu eröffnen. Peter Dipoli mitbegründete 1999 den Verein der Freien Weinbauern Südtirol, deren Vizepräsident er war. Er ist auch ein Gründungsmitglied des italienischen Interessenverbandes der unabhängigen Weinbauern, der Federazione Italiana Vignaioli Indipendenti (FIVI), die 2009 ins Leben gerufen wurde und zu deren erstem Vorstand er ebenfalls gehörte. Das Weingut Peter Dipoli ist in Neumarkt (Egna) im südlichen Teil der Provinz Südtirol und verfügt heute über 6,5 Hektar.

Deutlich wird dies an einem Beispiel wie dem Pinot Noir in Südtirol: vor einigen Jahren schrieb Peter Dipoli zusammen mit Michela Carlotto ein Buch über das kleine Weinbaugebiet Mazzon in der Gemeinde Neumarkt und seine Blauburgunder. Im Südtiroler Unterland auf den östlichen Hügeln des Tales, das von der Etsch durchzogen wird, gelegen, ist es bekannt für seinen Pinot Nero. Während das leichtabschüssige Plateau, auf dem Mazzon zwischen 300 und 450 Meter über dem Meerespiegel liegt, befindet sich Neumarkt in der Talsohle auf 200 Metern, was einer der Gründe für die Unterschiede im Pinot Noir der beiden Zonen ist. Mazzons Kalk- und Lehm-Böden sind in ihrer Zusammensetzung vergleichbar mit der Unterlage, wie sie sich an der Cote d’Or findet, und die besonders geeignet ist, Weine von großer Eleganz im Einklang mit der Typizität der Rebsorte zu schaffen. Darüber hinaus muss man beachten, dass die Lage durch die Gebirgszüge im Norden und Osten vor kalten Luftmassen schützt. Oberhalb des Plateaus thront zudem der Cisloner Berg, was zur Folge hat, dass die Weinberge im Sommer nicht vor zehn Uhr morgens getroffen werden, was zu einer langsamen Erwärmung führt. Im Gegenzug erhält es aufgrund seiner Ausrichtung am Abend noch die letzten Sonnenstrahlen aus dem Westen. Der Ora-Wind, der in den Frühjahrs- und Sommermonaten täglich das Etschtal vom Gardasee im Süden nachmittags heraufbläst sowie die typischen Fallwinde, die nach dem Untergang der Sonne rapide einsetzen, garantieren den Erhalt der typischen Säure des Blauburgunders in den Trauben. Es ist dieses Maß an detaillierten Informationen und mehr, dass man in seinem Buch findet, und es ist Voraussetzung, um zu verstehen, warum Mazzon möglicherweise besser für den Pinot Nero geeignet ist als andere Zonen in Südtirol. Peter Dipoli erklärt im Gespräch, dass der Pinot Noir seines Winzerkollegen Martin Aurich aus einer Einzellage des Weinguts Unterortl bei Castel Juval im Nordosten Südtirols ganz andere Eigenschaften besitze: dies sei zunächst aufgrund der rein südlichen Ausrichtung der Lage der Fall und er erklärt, dass das klimatische Spiel 70% des Erfolges einer bestimmten Lage ausmache, da jede Sorte ihre Anforderungen habe. Der andere wesentliche Aspekt sei die unterschiedliche Unterlage der beiden Zonen: Mazzons Grundlage besteht aus einer Mischung aus dem Kalkgestein der Dolomiten und Porphyr, wohingegen die Lagen am Eingang des Schnalstals Vulkangestein und somit saure Böden seien. Dadurch ergäbe sich zwangsläufig ein anderer, aber ebenfalls sehr schöner Blauburgunder und er unterstreicht, dass er die Arbeit und Weine seines Kollegen äußerst schätzt als Ausdruck der jeweiligen Lage. Deswegen müsse man diesen Wein auch akzeptieren, wie er ist, anstatt zu versuchen, den Stil anderer Zonen oder Hersteller zu kopieren. Gerade diese authentische Darstellung ist aber, die er dem Verschneiden aber aus unterschiedlichen Lagen, das sich bei anderen Produzenten findet, vorzieht, wie er es an verschiedenen Stellen unserer Konversation verdeutlicht.

Das Weingut Dipoli ist in Neumarkt angesiedelt und seine Co-Autorin Carlotto entstammt einer Winzerfamilie, die für ihren Pinot Nero aus Mazzon bekannt ist. Man könnte also den Produzenten aus angrenzenden Zonen glauben, dass deren Lagen mindestens gleichermaßen geeignet sind und das seine Sichtweise zumindest teilweise auf einem gewissen Eigeninteresse der Autoren besteht. In seiner ihm typischen direkten Art, die ihm nicht nur Freunde im Laufe der Jahre gemacht hat, drückt Dipoli aber aus, dass er beispielsweise dem Vorschlag, aufgrund der Klimaerwärmung einfach in Höhenlagen zu gehen, wenig Vertrauen entgegenbringt. Seine Meinung bezüglich der Geeignetheit bestimmter Lagen insbesondere in Vergleich zu anderen scheint aber nicht zwingend auf persönlichen Vorlieben oder Eigeninteressen zu gründen: Dipoli arbeitet aktuell zusammen mit zwanzig der besten Köpfe der Region an einem neuen Buch über die Sorten-Lagekombination Südtirols. Für dieses Projekt hat er die Aufgabe übernommen, die jeweils besten Lage für jede der zwanzig Sorten, die aktuell in Südtirol verwendet werden, zu bestimmen. Er besteht darauf, dass, um das Niveau der Weinqualität der Region zu erhalten beziehungsweise zu steigern, die Lagen entsprechend analysiert und mit der richtigen Rebsorte angepasst werden müssten. Er erklärt, dass Weinlagen traditionell als gute Lagen identifiziert wurden allein auf der Grundlage ihrer Ausrichtung nach Süden, was zur Folge hatte, dass sie bereits früh im Frühjahr schneefrei waren. Dabei wurde aber nicht in Betracht gezogen, dass dies aber nicht zwangsläufig bedeutet, dass sie auch die richtige Lage für jede Rebsorte waren. In diesem Zusammenhang wird er auch leicht ironisch, als er den Anbau von Pinot Noir in der Toskana streift. Diese sei für ihn schlicht zu warm, um diese Rebsorte anzubauen, da der Pinot Nero dort aufgrund der klimatischen Situation viel größere Schalen als Sonnenschutz bilde. Dies würde dann zu mehr Tannin und Farbe, zu mehr Konzentration und Härte, führen und gleichzeitig den Verlust der Leichtigkeit und Eleganz bedeuten, der die Rebsorte eigentlich ausmacht. So berichtet er dann auch mit einem Schmunzeln von einem Gespräch mit einem bekannten Produzenten renommierter Sangiovese-Weine, dass er seinen Pinot Noir verkosten würde, sobald man in Chambertin Olivenöl produziere – und verdeutlicht die Unsinnigkeit mancher Entscheidungen und die Bedeutung des richtigen Ortes und Klimas für einen guten Wein.

Südtiroler Lagenklassifikation

Die Diskussion bezüglich der besten Sorte für die richtige Lage ist auch deshalb so relevant, weil sich Südtirol mitten im Prozess der Definierung von Weinbaulagen befindet, wie sie in anderen Regionen wie z.B. im Barolo bereits die Regel ist. Die Konzentration auf Lagen, die klimatisch und geologisch homogen mit einer Reduzierung auf maximal drei Sorten, sollte ein Schritt in die oben benannte Richtung zur Erhaltung und Erhöhung der Qualität sein. Es sollte außerdem eine Maßnahme zu einer deutlicheren Verwendung von Herkunftsbezeichnungen sein. Während in Südtirol über die Umsetzung dieses Vorhabens gestritten wird, ist auch Peter Dipoli skeptisch. Zum einen sei es nicht unbedingt im Sinne der Genossenschaften, die häufig Trauben von unterschiedlichen Lagen verarbeiten. Darüber hinaus seien auch verschiedene Weine als Marke etabliert, wodurch die Produzenten kein Interesse an einer Beschränkung der Gebiete hätte, wären das doch gleichzusetzen mit der maximalen Produktion eines Weines, der aus einer Lage kommen muss. So beschreibt er auch den Prozess, der sich in den verschiedenen Dorfkommissionen abspielt, als ein regelmäßiges zähes Ringen, das nicht selten darin mündet, dass die letztliche Festlegung einer Lage gleich einer Ziehharmonika immer weiter ausgedehnt wird.

DOC Made in Südtirol

So droht das Projekt ähnlich an Bedeutung zu verlieren wie das bestehende System der Herkunftsbezeichnungen, denn die DOC-Bezeichnung habe für den Verbraucher keine Bedeutung mehr. Bereits bei seiner Einführung 1971 habe man damals alle Sorten und Zonen in DOC aufgenommen, ohne auf eine Anpassung der Sorten in den verschiedenen Unterzonen vorzunehmen, die sich aufgrund des Mikroklimas und Bodenbeschaffenheit zu Teil erheblich unterscheiden. Deshalb habe das DOC-System heute nur noch den Vorteil einerseits den Namen Südtirols auf dem Etikett zu finden und andererseits die Garantie einer bestimmten Qualität zu gewährleisten. Warum aber steigt die Anzahl der Weine, die als IGT, also als die dem Landwein gleichgestellte niedere Qualitätsstufe der Indicazione Geografica Tipica, vermarktet werden? Auch hier gibt es für Peter Dipoli zwei Gründe: zunächst offenbare die IGT-Klassifikation die Möglichkeit, Weine aus anderen Gebieten außerhalb Südtirols zuzukaufen.

„La DOC è fallito ma ci sono i punti che dobbiamo salvare.”

Darüber hinaus sei es aber auch für biologische und bio-dynamische Betriebe immer schwieriger, den Vorgaben der DOC-Kommission zu folgen, da in der Analyse bei diesen Weinen Werte an flüchtiger Säure oder auch Brettanomyces das Maximum überstiegen. Gleichzeitig sei der bürokratische Aufwand vor allem für kleinere Winzer überproportional und verleite daher den Weg des geringeren Widerstandes zu gehen. Dipoli aber ist ein Verfechter der DOC-Klassifikation aufgrund der Originalität der Weine und ihrer Sauberkeit, da man unter der IGT-Klassifikation fast schon Essig abfüllen könne. Außerdem führe es eben zum Verlust des Namens Südtirol auf der Etikette, was dem Vorhaben, das Gebiet bekannt zu machen, entgegenstehe. Schließlich seien die größten Weine der Welt letztlich Gebietsweine: Barolo, Bordeaux, Burgund, Cotes du Rhone, aber auch Napa Valley. Aus diesem Grund reagiert er auch mit Unverständnis, wenn Produzenten wie Alois Lageder, der der erste gewesen sei, der in den Flieger stieg, um Südtirol in den USA bekannt zu machen, einen beachtlichen Teil ihrer Weine nur mehr als IGT klassifizierten und als Markenbotschafter Südtirols wegfielen.

Kritik und gespannte Verhältnisse

Es ist jedoch wichtig zu betonen, dass er trotz seiner argumentativen Art und Weise seinen Kollegen hohen Respekt entgegenbringt, auch wenn er deren Herangehensweise missbilligen mag. Mehrfach nennt er in unseren Gesprächen Hans Terzer der Kellerei St. Michael, Rudi Kofler der Kellerei Terlan oder Willi Stürz aus Tramin als die besten Kellermeister Südtirols. Gleichzeitig kritisiert Dipoli aber auch offen, wo er ihnen widerspricht, wie zum Beispiel bei der Herstellung von Weinen, die mit viel Geschick und Präzision verschnitten werden, aber eher einem Formel-1-Auto vor dem Start ähneln würde als der Ausdruck einer bestimmten Südtiroler Lage zu sein. Wenn aber bisweilen seine Kritik auf seine eigene direkte Art hart klingen mag, scheint sie aber nie persönlich zu sein.

Diese Linie, dieses Wechselspiel aus Kritik und Respekt, wird allerdings auf die Probe gestellt, als wir noch einmal über den Einfluss von Journalisten und Weinkritikern zu sprechen kommen. Und wieder erläutert er seine Beweggründe anhand einer der zahlreichen Geschichten seines Weinlebens: er erzählt, wie die für Italien verantwortliche Vertreterin eines berühmten Weinführers nach der Verkostung von Dipolis Sauvignon Voglar 2014 den fragwürdigen Rat in ihrer Beurteilung gab, diesen möglichst innerhalb weniger Jahre nach seiner Herstellung zu konsumieren. Da es – wie an anderer Stelle erläutert – Teil seiner Philosophie ist, Weine zu machen, die Zeit brauchen, um sich zu entwickeln, zeugte dieses Urteil aber eindeutig vom Unverständnis bzw. der mangelnden Bereitschaft eines Weinjournalisten, den Wein wirklich zu verstehen. Seine dementsprechende Antwort sei dann auch der Grund dafür, dass er seine Weine diesem Führer nicht mehr zur Verfügung stellt. Diese Episode sei aber sinnbildlich für die Branche und die ihn veranlassen, um die meisten einen Bogen zu machen. Als ich ihn auf die Notwenigkeit anspreche, mit Weinführern und Kritikern zusammenzuarbeiten, erklärt er mir, dass die Ergebnisse lange Zeit aufgrund eines Personenkults oder einer besonderen Beziehung zwischen einem Produzenten und dem Kritiker basierten; heute hingegen sei dieser Aspekt hauptsächlich vom Sponsoring getrieben, aber beiden sei mit seiner Sicht der Dinge nicht vereinbar.

Klone und Klima

Schon früh zeichnete sich ab, dass das Gespräch den Rahmen einer Unterhaltung über den Blauburgunder in Südtirol übersteigen und zahlreiche andere Aspekte thematisieren würde. Dennoch kehren wir zum eigentlichen Ursprung zurück und sprechen noch einige interessante Aspekte zum Thema Pinot Nero an. Da wäre zum Beispiel noch die Frage der Verwendung von Pinot Noir-Klonen in Südtirol: Es ist ein weiteres Beispiel für den Wandel der Region in den letzten dreißig bis vierzig Jahren hin zu mehr Qualität. Parallel zum übergeordneten Richtungswechsel hat sich auch die Zielsetzung bei der Auswahl eines bestimmten Klons geändert. Die wenigen verbliebenen alten Klonen, die große, ausdruckslose Trauben generierten und noch aus der Schweiz stammten, verschwinden endgültig, während das aktuelle Pflanzenmaterial diesen weit überlegen ist und eine deutlich bessere Qualität liefert. Auch dies war das Ergebnis zahlreicher Versuche und der Analyse der Resultate verschiedener Klone an verschiedenen Orten. Erneut ein Beispiel, das die Bedeutung der richtigen Lagen-Sortenkombination unterstreicht, die ohne ein umfangreiches Verständnis nicht vollständig zu verstehen ist.

Interessanterweise zeigt sich Peter Dipoli im Gespräch über die Zukunft des Blauburgunders in Südtirol weniger besorgt über den Klimawandel, der zu einem höheren Alkoholgehalt im Südtiroler Blauburgunder geführt hat. Grundsätzlich habe aber die Region die Werkzeuge mit zwanzig verschiedenen Rebsorten, die mit den verschiedenen Höhen bzw. Lagen und unterschiedlichem Mikroklima kombiniert werden könnten, zur Hand; dadurch gäbe es für jeden anständigen Weinberg die richtige Rebsorte und es läge in der Verantwortung der Erzeuger der Region, die richtige Kombination zu finden und die entsprechenden Entscheidungen zu treffen. In Bezug auf den Blauburgunder im Allgemeinen und Mazzon im Besonderen glaubt er, dass die Produzenten Mazzons zwar mehr Alkohol hinnehmen müssten, als man traditionell mit seinen Weinen verbindet, es aber eine der besten Lagen für Pinot Noir in Südtirol bleiben würde. Dahingegen sei die Vorgehensweise, den Blauburgunder in höheren Lagen zu pflanzen nur bedingt eine Lösung. Schließlich, so erklärt er, benötige diese anspruchsvolle Rebsorte im Jahresverlauf ein gewisses Klimaspiel im Laufe des ganzen Jahres und nicht nur um die Reifezeit im Herbst.

Stolz wie im Burgund

Trotz dieser Instrumente und Möglichkeiten der Weinproduzent in Südtirol reicht es aber auch hier nicht, nur guten Wein zu machen, wie Peter Dipoli bereits an anderer Stelle gesagt hatte, schließlich müsse man ihn auch verkaufen, und dies klinge oft einfacher, als es ist. Südtirols Weine haben eine starke Marke, aber der Mangel an Tourismus aufgrund der Pandemie hat die lokalen Produzenten hart getroffen. Direktverkauf wie Horeca sind wichtige Verkaufskanäle und der Wettbewerb unter den Produzenten hat stark zugenommen. Als Peter Dipoli vor mehr als zwanzig Jahren die Vereinigung der Freien Weinbauern Südtirols mitbegründete, begann man mit 12 Mitgliedern. Heute zählt der Verein mehr als hundert Winzer und alle müssten einen Weg finden, ihre Weine zu verkaufen.

An mehreren Stellen unseres Gesprächs spricht er auch von Winzern, die versuchen, einem Publikum zu gefallen, anstatt an ihrer eigenen Philosophie festzuhalten oder einen Wein zu produzieren, der ihr Terroir widerspiegelt. Für Peter Dipoli ist dies auch eine Folge fehlender Weinkultur in Südtirol. Schließlich seien in der Generation der Großväter der heutigen Produzenten viele noch Viehzüchter gewesen, während ihre Eltern dann Äpfel gepflanzt hätten. Der Trend des Südtiroler Winzers sei hingegen ein relativ junger.

Burgund hingegen, sagt er, Burgund habe seinen eigenen, verborgenen Stolz. Niemand würde es wagen, ihnen vorzuschreiben, wie sie ihre Weine machen. Nach dieser Überzeugung scheint er sich auch für Südtirol nach zu sehnen. „Wenn wir weiter das machen würden, was andere uns sagen oder wollen, werden wir vielleicht noch mehr Geld haben, aber bald gibt es nicht mehr viel, worauf wir stolz sein können“, sagt er und die Leidenschaft für sein Heimat schwingt in seiner Stimme mit.

So betont er auch, dass der höhere Preis der Südtiroler Weine allein wegen der höheren Produktionskosten in der Region schon zwingend sei. Schließlich finde fast die gesamte Produktion der Region in Hügellagen statt. Das wiederum verlangt viel Handarbeit und einen damit verbundenen höheren Preis pro Flasche bedeutet. Die Alternative sei nur Deklassierung als IGT, bei der Trauben aus günstigeren Regionen hinzugekauft werden können. „Je weniger Geld Verbraucher für eine Flasche ausgeben, desto weniger Südtirol steckt in der Flasche, so einfach ist das.“, sagt Dipoli. In gewisser Weise sind die Erzeuger der Region daher dazu verdammt, einen Qualitätswein zu produzieren, der die vergleichsweise hohen Preise rechtfertigt, um wiederum die hohen Herstellungskosten zu decken.

Diesen versteckten Stolz der Burgunder hingegen glaubt er auf seinen vielen Weinreisen ein wenig mitgenommen zu haben und sich zu Eigen gemacht zu haben, vor allem in dem Sinne, dass er seine Weine so macht, wie er es für richtig hält: Ein Faden, der jeden Jahrgang verbindet, ist seiner Meinung nach wichtig; wenn aber die Weine sauber sind und die Besonderheiten des Jahrgangs und des Weinbergs repräsentierten, sieht er für sich keine Berechtigung, den Wein zu etwas anderem zu zwingen, nur weil er als Winzer möglicherweise eine andere Vision gehabt habe oder dem Markt etwas anderes verlange. Jeder Wein, sagt er, hat seine eigene Fangemeinde und er findet, dass alte Weine interessanter sind als neue. Dies entspricht leider nicht ganz dem Trend des neuesten Jahrgangs, den wir heutzutage leider zu oft erleben. Wie auch der Wein brauche es Zeit, sich einen Namen zu machen. Peter Dipoli aber arbeitet lieber mit und für Menschen, die dies schätzen und solche, die Weinkultur suchen anstatt einer Etikette.

Ausgeprägte Meinungen

Solche Aussagen polarisieren oft und treffen nicht immer auf umfängliches Einverständnis. Dennoch oder vielleicht gerade deshalb sollte man erneut erwähnen, dass das leidenschaftliche Eintreten für seine Überzeugungen zumindest in den Stunden, in denen wir über Wein sprachen, weniger Eigensinnigkeit als Ausdruck seiner Neugier und dem Wunsch, den bestmöglichen Wein zu machen, war. Diese Neugier und die Bereitschaft, Veränderungen anzunehmen, wenn sie der Sache dienen, stehen nicht gezwungenermaßen im Widerspruch zu den Ansichten, die er überzeugt vertritt. So sprachen wir auch über den Einsatz von Barrique und Alternativen oder den ewigen Streit um den richtigen Weinverschluss. In beiden Fällen hat er eine klare Meinung, die aber jederzeit auf nachvollziehbaren Argumenten fußt.

Er wiederholt, dass er Wein lieber für Leute erzeugt, die ein klares Interesse an Weinkultur haben. Mit dem Hype, der heutzutage allzu oft die Welt des Weins umgibt und durch soziale Medien verstärkt wird (der Untertitel seiner Website lautet „no facebook, no twitter – just wine!“), kann er sich hingegen nicht anfreunden. Erneut eine Entscheidung, die nicht jeder teilen wird, die aber mehr als nur nachvollziehbar ist. Was bleibt für mich, sind neben den ungemein interessanten Gesprächen mit einem Südtiroler Weinpionier die Befriedigung meiner Wissbegierde. Allerdings ist es wie so oft beim Thema Wein: mit jedem Stück besseren Verständnisses ergeben mir nach jeder Lektion neue Fragen, was jedoch auch den großen Reiz des Themas ausmacht.

Thukydides, dem großen athenischen Historiker, wird zugeschrieben, dass „Wissen ohne Verständnis nutzlos ist“. In diesem Sinne und mit den Worten von Peter Dipoli: „Bitte, versucht‘s zu verstehen.“

Die Weine von Peter Dipoli

Es begann mit gerade mal 1,2 Hektar, aber im Verlauf von über dreißig Jahren sind diese auf heute 6.5 Hektar angewachsen. Die erste Lage war ursprünglich mit dem in Südtirol weitverbreiteten autochthonen roten Rebsorte Vernatsch bepflanzt, aber Dipoli ersetzte sie durch Sauvignon Blanc – der 500-600 Meter über dem Meerespiegel gelegene Weinberg aus sandigem Boden mit hohem Anteil von Dolomitgestein auf terrassierten Hanglagen in Penon bei Kurtatsch war die perfekte Grundlage für diese Rebsorte mit seiner Ausrichtung nach Nordosten, Osten und Süden. Der Fihl ist Dipolis roter Zweitwein und vornehmlich aus Merlot-Trauben gemacht, die er bis vor kurzem noch zukaufte (der kommende Jahrgang wird der erste sein, der ausschließlich von eigenen Weinstöcken kommt), kann aber bisweilen auch Merlot und Cabernet Sauvignon aus seiner ersten Lage enthalten. Er selbst beschreibt den Wein während der Verkostung der 2018er Jahrgangs als einen, den man jeden Tag trinken kann und den man sofort auftun kann, ohne wie bei anderen Weinen Jahre warten zu müssen, bevor sie trinkreif sind. Rund und samtig am Gaumen mit einer angenehmen Säure, produziert Peter Dipoli von diesem Wein aktuell zwischen 5.000 und 8.000 Flaschen pro Jahr. Der 2017er Frauenriegel, der ihm folgt, ist allerdings schon eine ganz andere Hausnummer: gemacht aus 60% Merlot und 40% Cabernet Franc von einem winzigen Weinberg mit gerade mal 3.000 Quadratmeter lehm- und kalkhaltigem Boden auf extremer Steillage. Die Trauben werden gemeinsam miteinander vinifiziert, reifen für 12 Monate in neuem Barrique und in etwa 2.000 Flaschen pro Jahr abgefüllt. In der Nase ist der Wein ausgesprochen komplex vor allem mit Aromen von roten Früchten, Tabak und Zedernholz. Das schöne integrierte, feine Tannin sowie eine runde und leichte würzige Note dominieren am Gaumen dieses wundervollen Weines. Der Iugum schließlich wird zu 70% aus Merlot und 30% Cabernet Sauvignon gemacht, getrennt geerntet und vinifiziert. Sie reifen für zwölf Monate in Barrique, wobei der erste nur in zweiter Holzbelegung gelagert wird, während für den Cabernet ausschließlich neues Holz verwendet wird, bevor sie miteinander cuvéetiert werden. Nach weiteren 24 Monaten Flaschenreife kommt der Wein vier Jahre nach der Ernte auf den Markt. Der 2015er überzeugte mit einer delikaten Nase von floralen Aromen und Tabak, während das Tannin noch ein wenig jung erschien, aber sehr fein und schön eingebunden ist. Ein Sprung zurück ins Jahr 2003 und der ältere Jahrgang zeigt noch immer fruchtige Noten von schwarzer Johannisbeere und Kirsche sowie Lakritz- und Tabakaromen. Trotz der besonderen Umstände 2003 ist er am Gaumen noch erstaunlich frisch, sehr elegant mit langem Abgang. Dipoli erinnert sich während der Verkostung lebhaft an diesen schwierigen Jahrgang, der nach einem der heißesten Sommer der Geschichte noch ein glückliches Ende hatte.

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